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Der Blick, 7.9.2005

25 Jahre Rudolf Steiner Schule Harburg

„Segle! - Singe! - Summe! - Sause!" Hin und Her - auf und nieder lassen die Erstklässler an langen Fäden die Wäscheklammern schwingen, hinter denen bunte Krepppapierbänder flattern. Der Besucher, der die Kinder auf dem Schulhof oder einer Waldlichtung bei ihrer munteren Beschäftigung beobachtet, mag ihre roten Wangen bemerken und sich freuen, dass sie eine schöne Spielstunde haben. Aber wird er darauf kommen, dass sie gerade Schreiben lernen? Schier unermüdlich lassen sie ihre Luft-Schlangen in Achterfiguren s-s-sausen und s-s-summen. Wenn sie genug davon haben - oder besser noch ein wenig vorher - ruft der Lehrer sie wieder in die Klasse. Und wenn sie diese Formen nun in ihr Heft malen, wird sich der Buchstabe für den „Sauselaut" - das S - wie von selbst ergeben. So lernt ein Waldorfschüler in der Unterstufe das S- oder so ähnlich - oder ganz anders: Denn jeder Klassenlehrer entscheidet aufs Neue, aus welcher Tätigkeit oder aus welchem Bild er ein Schriftzeichen entstehen lässt. Auf eines aber kommt es ganz entscheidend an: die roten Wangen. Die große freudige Bewegung wird übergeleitet in die erst schwungvolle, dann immer konzentrierter geführte Malbewegung, aus der die feste Form entsteht, die man verinnerlichen kann, behalten und wieder hervorbringen - eben „schreiben" kann. Auch in der Mittelstufe (Klasse 4 - 8) lässt sich mitunter Erkennen noch unmittelbar mit Wahrnehmen und Tun verbinden - zum Beispiel in der , Physik: Die fast schon jugendlichen Siebtklässler mit ihren lang und kräftig gewordenen Gliedern „erlernen' die Hebelgesetze in der praktischen Anwendung. Im Flaschenzug gar triumphiert der Geist des Menschen über die Schwere seines Körpers: Mit diesem Gerät kann man nicht nur Klassenkameraden oder den Lehrer, sondern sogar sich selber hochziehen! Diese „Experimente" greifen auf, was die Schüler in diesem Alter in Pausen und Freizeiten ohnedies tun: Kräftemessen unter Anwendung der Hebelgesetze. So trifft der Unterricht unmittelbar das tiefe, leiblich begründete Interesse der Schüler. Natürlich könnte man diesen

Unterrichtsinhalt - wie fast jeden - auch früher behandeln; dann aber müsste man beibringen und erklären, was bei altersgerechter Vermittlung direkt erfahrbar und unmittelbar verständlich ist. Darum verlassen sich Waldorfschulen immer wieder auf ihren vielleicht altmodisch erscheinenden Lehrplan und wehren sich gegen verfrühtes Fakten- und Regellernen.

Der Zusammenhang zwischen motorischem Geschick und geistigen Fähigkeiten ist inzwischen kein WaldorfGeheimnis mehr, sondern insbesondere bezüglich der mathematischen Fähigkeiten durch Untersuchungen belegt. Wir machen diesen Zusammenhang bis in die Oberstufe (Klasse 9 - 12) hinein nutzbar: Das beglückende Erlebnis des Webens in Klasse 10, wo durch Einschießen und Anschlagen das Gewebe sichtbar wächst, ist nur möglich, wo ein Webstuhl zuvor eingerichtet wurde. Hunderte von Kettfäden müssen sorgfältig und genau nach Plan eingefädelt werden, damit hinterher die richtigen Fäden sich heben und senken, und das erdachte Muster entstehen kann: Gedankenarbeit pur - mit den Händen zu vollziehen. Dass aus der Weberei die ersten Steuerungssysteme entstanden sind, die übers Hollerith-System direkt zum heutigen Computer führen - solche und andere wichtige Kenntnisse fallen beim Webunterricht nebenbei an. Die Zusammenhänge vieler Unterrichte - am besten aller mit allen - bemühen wir uns zu pflegen und in immer neuen Möglichkeiten zu entdecken, zu beleben und zu verfeinern. Nicht fertige methodische Konzepte, sondern das beständige Ringen um die beste Möglichkeit: Das ist das Geheimnis und die Bedingung des Erfolgs von Waldorfschule.

Seit nunmehr 25 Jahren wird diese Pädagogik in Hamburgs Süden gelebt und gearbeitet. Die Rudolf Steiner Schule Harburg begeht ihr Jubiläum auf ihrem Standort, der "Heideburg" am Ehestorfer Heuweg 82 mit einem Festakt am 10. September 2005 um 10.00 Uhr und mit einem großen Michaelifest am 24. September 2005 von 11.00 bis 17.00 Uhr. Hier kann die Schule erlebt werden, hier können Kinder spielend ihren michaelischen Mut prüfen und den Eltern Zeit geben, sich mit den Mitarbeitern zu unterhalten und in schulischer Atmosphäre zu entspannen..